Gott in mir drinnen - zum Weißen Sonntag

Sonntagsgedanken von Beate Hirt

Ein besonderer Tag wird heute in vielen katholischen Gemeinden und Familien gefeiert: Erstkommunion.
Zum ersten Mal gehen Kinder zum Abendmahl. Beate Hirt hat mit einigen von ihnen gesprochen.

I

Jetzt um kurz nach neun sind sie vermutlich schon ordentlich aufgeregt. Die kleinen Leute in weißen Kleidern, schicken Jacketts oder langen Kutten. Heute ist Erstkommunion, Weißer Sonntag, in vielen katholischen Kirchen auf der ganzen Welt und auch bei uns in Deutschland. Bald wird es losgehen in der Kirche. Im festlichen Gottesdienst bekommen die acht- und neunjährigen Kinder zum ersten Mal die Heilige Kommunion, die Hostie, von der Katholiken glauben: Das ist der Leib Christi.

Was geht ihnen wohl durch den Kopf, den Erstkommunionkindern, auf dem Weg zu ihrem großen Gottesdienst? Vor ein paar Tagen hab ich ein paar von ihnen getroffen: Sophia, Jan, Benjamin, Marie, Benedikt und Calvin. Sie gehen in St. Stephan in Mainz zur Erstkommunion, in der Kirche mit den berühmten Fenstern von Chagall. Ganz schön munter waren sie drauf, und natürlich haben sie nicht nur fromme Antworten parat, wenn man sie nach ihrer Erstkommunion fragt. Von ihnen will ich wissen: Worauf freut ihr euch denn besonders? Die allererste Antwort lautet: aufs Zusammensein. Calvin erzählt, dass Cousins kommen, die er nur ganz selten sieht. Und Marie ergänzt: Sogar ihre Verwandtschaft aus Ungarn reist an. Das war bei mir nicht anders damals, bei meiner eigenen Erstkommunion vor mittlerweile dreißig Jahren. Besonders toll war für mich, dass meine ganze große Verwandtschaft zusammenkam. Spielt also die Religion, der Glaube keine Rolle bei dem Fest? Ganz im Gegenteil. Das Zusammensein, das Zusammenfeiern passt gut zum Weißen Sonntag, zur Messe, zur Eucharistie: Auch die ist ja vor allem ein Fest des Zusammenseins, der Gemeinschaft. Schon die Theologen der ersten christlichen Jahrhunderte haben betont: Leib Christi, damit ist nicht nur die Hostie gemeint. Das ist auch die ganze Gemeinde selbst, die zusammenkommt. In „Kommunion" steckt ja das lateinische Wort „communio", und das bedeutet genau: Gemeinschaft. Erstkommunion ist keine Veranstaltung für Einzelgänger, sondern ein Fest des Zusammenseins. Wenn sich Marie und Calvin und die anderen als allererstes aufs Zusammensein freuen, dann passt das also gut zu diesem Tag.

 

Und auf was freuen sich die Erstkommunionkinder noch? Gleich an zweiter Stelle folgen natürlich unvermeidlich: Geschenke und Geld. Das kann man einerseits schade finden: Ist der der schnöde Mammon wichtiger für die Erstkommunionfreude als Gott? Andererseits: Wer freut sich denn nicht über unverdiente und manchmal richtige wertvolle Geschenke? Und etwas Religiöses steckt für mich auch darin: Was Christen in diesem Mahlgottesdienst feiern: Auch das ist ein Geschenk, und zwar ein richtig großes. Gottes Liebe und Gemeinschaft - die gibt's am Weißen Sonntag einfach so, umsonst, in Hülle und Fülle. Geschenkt.

II

Worauf freut ihr euch, wenn ihr an euren Weißen Sonntag denkt? Das hab ich die Erstkommunionkinder von St. Stephan in Mainz gefragt. Als erstes sagen sie: Das Zusammensein, dann kommt: das Geld. Auf Platz drei landet aber tatsächlich: der Leib Christi. Das klingt ziemlich theologisch und fromm aus Kindermund, „Ich freu mich auf den Leib Christi". Vor allem, nachdem es eben noch um die Familienfete und die Geschenke ging. Und es fällt Sophia und Benedikt und den anderen auch schwer, genauer zu erklären, was sie denn eigentlich darunter verstehen. Man kann einwenden: Ist ja auch eine Zumutung für Achtjährige. Selbst Erwachsene können kaum sagen, was es genau auf sich hat mit diesem Brot, das zugleich Leib Christi sein soll. Aber: Gerade deshalb finde ich es ziemlich interessant, was die Erstkommunionkinder dazu zu sagen haben. „Jesus ist da drinnen", erklärt mir Benjamin. „Leib Christi, das ist ein Stück von Jesus - und ja, dann wohl auch irgendwie von Gott". Und, so sagt er weiter: „Wenn man dieses Stück von Gott isst - dann ist eben Jesus und Gott in einem drinnen. Und man ist zusammen mit ihm." Das trifft es schon ziemlich genau. Auch Theologen und Mystiker kriegen es nicht so viel besser hin zu erklären, was Leib Christi ist - und was passiert, wenn man ihn zu sich nimmt. Gott kommt in mich hinein, wenn ich dieses besondere Brot esse. Das heißt: Auf eine besondere Weise bin ich mit ihm verbunden. Und das, so meint Benjamin, hat auch Konsequenzen. „Jesus in einem drinnen, das macht einen neuen Menschen aus einem", erklärt er. Und Jan ergänzt: „Der Leib Christi, der verändert einen". Das gibt Gelächter unter seinen Erstkommunionskollegen und spontane Reaktionen: „Das fänd ich ja gut, wenn der Jan sich mal verändern würde", ruft Sophia. Und schwupps: Schon ist die komplizierte Vorstellung von „Jesus in uns" mitten im Alltag angekommen - und nicht nur in dem von Kindern. Zusammensein mit Jesus - das hat viel zu tun mit dem Zusammensein der Menschen, auch mit unseren ganz alltäglichen Kämpfen und Genervtheiten. Das merken die Kinder ganz schnell. Und im Idealfall merken das auch die Erwachsenen. Gottesdienst und Abendmahl sind nichts, was nur im Kirchenraum Bedeutung hat. Sie spielen eine Rolle für den ganz normalen Alltag. Dieses besondere, heilige Brot: Es müsste die Art und Weise verändern, wie ich mit den anderen umgehe. Der Leib Christi wirkt in mir, wenn ich im Sinne Jesu Christi handele: Wenn ich anderen zu essen gebe, wenn ich rücksichtsvoll und friedlich mit anderen umgehe. Papst Benedikt hat es einmal so gesagt: Das Geheimnis der Eucharistie soll nicht nur „andächtig gefeiert" werden. Es soll auch „intensiv gelebt" werden. (vgl. Sacramentum Caritatis, 93) Zugegeben: Von intensiv gelebter Friedfertigkeit sind die Erstkommunionkinder, mit denen ich mich getroffen habe, vielleicht noch etwas entfernt, wie auch die meisten Erwachsenen, die ich kenne. Aber was Leib Christi ist und sein kann - davon haben sie schon mindestens so viel Ahnung wie Erwachsene. Heute also empfangen die Erstkommunionkinder ihn zum ersten Mal, den Leib Christi. Und ich hoffe und wünsche ihnen, dass sich an ihrem Weißen Sonntag ganz viel erfüllt von dem, worauf sie sich freuen.

 

Sonntagsgedanken in SWR 4 am 30.03.2008 von Beate Hirt, Mainz, Katholische Kirche