"Wir verkündigen Christus, und zwar als den Gekreuzigten..."
(1 Kor 1,23)
Gedanken zum Zeichen des Kreuzes am Fest „Kreuzerhöhung"

Dr. Udo Markus Bentz, Bischöfliches Priesterseminar Mainz
in: Morgenfeier in hr 2 kultur, Sonntag, 14. September 2008, 11.30 Uhr


In einer der Katakomben Roms findet man an einer Wand eine kleine, ungelenke Kritzelei - ein Gekreuzigter mit einem Eselskopf - ein Spottkreuz also. Ausgerechnet diese Kritzelei ist wahrscheinlich die älteste uns bekannte Darstellung eines Kreuzes im christlichen Zusammenhang. Das Christentum stand noch ganz in seinen Anfängen. Zu dieser Zeit war im römischen Reich die Kreuzigung als schlimmste Form der Todesstrafe immer noch erlaubt. Kein Wunder, dass das Kreuz als öffentliches Bekenntniszeichen noch keine Chance hatte. Dies änderte sich erst im vierten Jahrhundert: Die Kreuzigung als Todesstrafe wurde abgeschafft. Der christliche Glauben war gesellschaftlich anerkannt. So konnte auch die Kulturgeschichte des Kreuzes ihren Anfang nehmen.

Das Kreuz erlebte durch die Jahrhunderte hindurch eine Bedeutungsgeschichte mit extremen Höhen und Tiefen. In seiner symbolischen Kraft wurde es für unzählige Generationen zu einem echten Heilszeichen. Aber immer wieder kommt es auch zu ideologischen Verzerrungen. - Wo es recht verstanden wurde, war es ein echtes Hoffnungszeichen. - Aber es gab auch Zeiten, da war es ein Kreuz mit dem Kreuz! Als Heilszeichen missbraucht verbreitete es auch Angst, unseliges Leid und Gewalt.

Heute ist das Kreuz für viele ein beliebter, aber dennoch belangloser Modeschmuck. Andererseits erhitzt das Kreuz auch heute noch die Gemüter: Wenn es z.B. um die Frage geht, wie weit in einer pluralistischen Gesellschaft die Religionsfreiheit gehen kann. Manche Pädagogen fragen sich: Ist es gut, Kindern das Zeichen eines Gefolterten in Kindergärten oder Schulen ständig vor Augen zu halten? Wieder andere erkennen in diesem Zeichen eine kulturelle Bereicherung. In manchen Kulturlandschaften ist das Kreuz auch heute noch allgegenwärtig und spricht ganz unaufdringlich von den kulturellen und ethischen Wurzeln unserer Gesellschaft. In der Kunst der Gegenwart kann man in einem ganz säkularen Kontext sehr aufschlussreiche Wiederentdeckungen machen: Dort kehrt das Kreuz wieder - nicht unbedingt als religiöses Symbol, dafür aber als ein Protestzeichen gegen Unrechtsmechanismen und Inhumanität.

Es gibt also ganz verschiedene Erfahrungen mit dem Kreuz. Für Christen ist es zuallererst ein religiöses Symbol und Bekenntniszeichen. Erst vor einigen Wochen konnte man dies wieder beim Weltjugendtag in Sydney sehen: Ein schlichtes Holzkreuz wurde zum weltweit verbindenden Symbol für hunderttausende jugendliche Pilger. Seit 25 Jahren wird immer das gleiche, schlichte Holzkreuz durch alle Kontinente der Welt getragen. Dieser Brauch geht zurück auf eine Idee von Papst Johannes Paul II. Am Ende der Feierlichkeiten zum Heiligen Jahr 1983 hatte der Papst dieses Kreuz der Jugend übergeben mit den Worten: „Das Kreuz Christi! Tragt es hinaus in die Welt als ein Symbol der Liebe Christi zu den Menschen..."


Das Kreuz als Symbol der Liebe? So einfach ist es nicht. Oft provoziert das Kreuz Widerspruch: Wie kann ein Gefolterter zum Symbol der Liebe werden? Wie kann ein Hinrichtungsinstrument Zeichen für Leben sein? Wie widersprüchlich! Wer so empfindet, liegt aber nicht verkehrt. Er spürt etwas sehr Ursprüngliches. Den Schrecken des Kreuzes sollte man nicht einfach weginterpretieren oder fromm übertünchen. Damit banalisiert man dieses Zeichen, denn es war ja tatsächlich die grausamste Hinrichtungsart, die die Antike kannte.

Das Kreuz dokumentiert also die Schattenseite des Menschen. Überall, wo es hängt, ist das Kreuz auch ein Signalzeichen: Achtung! Wie bedrohlich kann der Mensch für den Menschen sein! Das Kreuz hält durch die Jahrhunderte der Geschichte hindurch dem Menschen immer wieder einen Spiegel vors Gesicht: Aus solchem Holz ist der Mensch geschnitzt! Dieses Symbol bewahrt davor, sich Illusionen über den Menschen hinzugeben. Nüchtern erinnert es daran: Der Abgrund menschlicher Gewalttätigkeit zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichte - bis heute: Gewalt wird auf Gewalt getürmt. Opfer mit neuen Opfern gesühnt. Unrecht mit neuem Unrecht beantwortet. So sind die Mechanismen: Der friedfertigste Mensch kann am Kreuz enden. Die stumme Anklage von damals hallt auch heute durch die Gegenwart: Mensch, wozu bist du fähig! Auf immer neuen Schauplätzen der Geschichte zeigt sich: Macht und Gewalt siegen immer noch über den Schwachen, Hilflosen und Unschuldigen: Jetzt z.B. im Kaukasus. Dort wird Macht demonstriert. Und die eigentlichen Opfer sind unschuldige Menschen, denen das wenige, das sie haben, zerstört wird.

Das Kreuz erinnert den Christen daran, sich mit solchen Mechanismen nicht abzufinden. Insofern bleibt das Kreuz als Leidenssymbol immer eine Zumutung. Martin Luther hat recht, wenn er sagt: Der Mensch muss zunächst einmal über sich selbst erschrocken sein, um auf den richtigen Weg zu kommen! Und in der alten Kirche galt schon der Grundsatz: Nur was angeschaut wird, kann auch geheilt werden!

Das Kreuz als Leidenssymbol ist die eine Botschaft. Das kann aber nicht alles sein. Denn sonst wäre das Kreuz nicht mehr als ein Protestplakat, das man vorwurfsvoll anderen unter die Nase hält. Für Christen aber ist das Kreuz ein Bekenntniszeichen. Das heißt: In diesem Symbol ist alles enthalten, was den christlichen Glauben ausmacht. Es zeigt, worauf es ankommt.

Für den Heiligen Paulus war die Botschaft vom Kreuz so entscheidend, dass er z.B. gegenüber der Gemeinde von Korinth sagen kann: „Ich hatte mich entschlossen, bei euch nichts zu wissen außer Jesus Christus, und zwar als Gekreuzigten!" (1 Kor 2, 1) Und weiter: „Denn das Wort vom Kreuz ist denen, die verlorengehen, Torheit; uns aber, die gerettet werden, ist es Gottes Kraft. (1 Kor 1, 18) ... Die Juden fordern Zeichen, die Griechen suchen Weisheit. Wir dagegen verkündigen Christus als den Gekreuzigten: für Juden ein empörendes Ärgernis, für Heiden eine Torheit, für die Berufenen aber, Juden, wie Griechen, Christus, Gottes Kraft und Gottes Weisheit. (1 Kor 1, 22-24)."

Der Heilige Paulus will nichts anderes wissen als Christus - und zwar als den Gekreuzigten! Damit aber stößt er bei seiner Umgebung - bei Juden und Griechen - auf Unverständnis. Anstößig war es für den Juden, an einen Gekreuzigten als Messias zu glauben. Aber diese Botschaft stand auch im Widerspruch zur Weisheitsphilosophie der Griechen. Und doch: Für Paulus ist Christus als Gekreuzigter der entscheidende Schlüssel zu einer neuen Sicht auf Gott und die Welt!

Das Kreuz hat das bisherige Gottesbild der heidnischen Antike auf den Kopf gestellt - oder besser: durchkreuzt! Gott ist jetzt nicht mehr derjenige, der über dem Leid der Welt unberührt schwebt oder dem das Schicksal des Menschen gleichgültig ist. Die neue Sicht auf Gott und die Welt sagt etwas anderes: Ungerechtes Leiden, wehrlose Opfer, Ohnmacht gegenüber den Mächtigen, Aussichtslosigkeit, Schmerzen, Hoffnungslosigkeit - all das ist diesem Gott selbst nicht fremd. Gott ist nicht der abstrakte unbewegte Beweger, eine irgendwie höhere Macht, die mit dem konkreten Leben des Menschen nichts zu tun haben will. Gott teilt in Jesus das Schicksal und Leid, das Menschen bis heute erleben müssen.

Das Kreuz sagt aber noch mehr über Gott und die Welt: Es zeigt nicht nur die Gewalttätigkeit des Menschen. Das Kreuz zeigt auch das Ausmaß von Gottes Gewaltlosigkeit! (Franz Kamphaus) Jesus erleidet am Kreuz menschliche Gewalt. Er lässt dies zu - er weicht nicht aus. Vor allem aber antwortet er nicht mit Gegengewalt. Er durchbricht die Spirale der Gewalt. Die neue Sicht auf Gott und die Welt sagt: Gott verzichtet auf seine Allmacht. Gott zahlt nicht heim. Am Kreuz wird das Drama von Gewalt und Gegengewalt durchbrochen. Gott steigt aus dem Gewaltspiel aus. Die Antwort Gottes auf Gewalt ist die Ohnmacht wehrloser Liebe! Aus dem Kreuz als Schreckenssymbol wird geradezu ein Symbol der Gewaltlosigkeit Gottes!

Darin ist das Kreuz aktueller denn je: Der Zusammenhang von Religion und Gewalt hält unsere Zeit in Atem. In vielen Krisenherden ist die Religion zwar nicht die eigentliche Ursache für die Gewalt. Aber von manchen wird die Religion gewissermaßen als Brennmaterial genutzt, mit dem man das gewalttätige Feuer am Lodern hält. Das Bekenntnis zum Kreuz als christliches Glaubenssymbol sollte aber ein Bekenntnis dazu sein: nie und nimmer darf „im Namen Gottes" Gewalt ausgelebt werden!


Das Kreuz mit seinem Längs- und Querbalken sagt aber noch mehr: Von jeher wird der Längsbalken des Kreuzes in der christlichen Tradition symbolisch für die Gottesliebe zum Menschen gedeutet. Der Querbalken steht für die Nächstenliebe untereinander. Die neue Sicht auf Gott und die Welt verbindet echte Gottesliebe mit echter Mitmenschlichkeit. So wie Gott das Schicksal des Menschen nicht gleichgültig ist, so kann auch dem Menschen das Leid und Schicksal des Anderen nicht mehr gleichgültig sein. Im Kreuz verbinden sich Gottesliebe und Nächstenliebe miteinander - das sind die beiden Hauptgebote des christlichen Glaubens. Jesus lebt in einer bisher nicht gekannten Konsequenz die Ohnmacht der Liebe - mit allen Folgen bis eben hin zu seinem gewaltsamen Tod am Kreuz. Und damit trifft das Kreuz als Symbol wiederum etwas ganz Wesentliches: Gott kann nicht am Menschen vorbei geliebt werden. Wie ehrlich und echt der Glaube eines Menschen ist, das muss sich bewähren in seiner konkret gelebten Mitmenschlichkeit. So heißt es drastisch im ersten Johannesbrief: „Wenn jemand sagt: Ich liebe Gott! aber seinen Bruder hasst, ist er ein Lügner." (1 Joh 4, 20) Ein anspruchsvolles Kriterium! Aber es gilt auch umgekehrt: Mitmenschlichkeit gewinnt erst dort Tiefe und Substanz, wo ich im Anderen ein Abbild Gottes erkenne. Deshalb steht die Würde des Menschen über allem und kann durch nichts in Frage gestellt werden.

Diese Botschaft ist bleibend aktuell. Sie stand auch im Mittelpunkt der diesjährigen Kreuzwoche im Bistum Limburg. Man stellte sich dem Motto „Einspruch. Seht den Menschen!" Ziel dieser Tage war, diese aktuelle Botschaft des Kreuzes in unsere gesellschaftliche Situation hineinbuchstabieren. Mit dem liturgischen Fest „Kreuzerhöhung", das heute in allen katholischen Gottesdiensten gefeiert wird, endet heute Nachmittag auch die Kreuzwoche mit dem Kreuzfest im Rheingau.

Das Kreuzzeichen ist ein Glaubensbekenntnis. Für Paulus ist das Kreuz das Symbol, das den Kern des christlichen Glaubens ausmacht. Mit dem Kreuz gelingt es, - so sagt er - „die Länge und Breite, die Höhe und Tiefe [zu] ermessen und die Liebe Christi zu verstehen, die alles Erkennen übersteigt... (Eph 3,18f). So schreibt Paulus im Brief an die Gemeinde von Ephesus. Alles steht und fällt dabei aber mit dem Glauben an die Auferstehung. Das war auch Paulus bewusst. Er betont deshalb: „Wenn es keine Auferstehung der Toten gibt, ist auch Christus nicht auferweckt worden. Ist aber Christus nicht auferweckt worden, dann ist unsere Verkündigung leer und euer Glaube sinnlos." (1 Kor 15, 13f) Das Kreuz kann nur dann seine symbolische Kraft entfalten, wenn ich glauben kann: Dieser unschuldige und ohnmächtige Tod am Kreuz hatte nicht das letzte Wort. Das Kreuz ist nur dann ein Zeichen der Hoffnung, wenn ich glaube: Christus ist wirklich auferstanden!

Das Kreuz ist nicht nur ein Bekenntniszeichen, das man vor sich herträgt. Es ist ein Hoffnungszeichen für viele, die an Christus glauben können. Dabei kommt mir eine über neunzig Jahre alte Frau in Erinnerung. Ich besuchte sie als junger Kaplan an meiner ersten Stelle regelmäßig. Seit Jahren war sie krank, schwach und an ihr Bett gebunden. Sie lebte in ihrer Wohnung völlig allein. Außer dem Sozialdienst kam niemand bei ihr vorbei. Ihr Schicksal berührte mich. Aber trotz ihrer Situation strahlte diese Frau eine Gelassenheit und Zuversicht aus, die ich mir nicht erklären konnte. Irgendwann hatte ich es endlich gewagt, sie danach zu fragen: Wie kann man so leben und trotzdem so zuversichtlich sein? Sie zeigte auf die Wand gegenüber ihrem Bett. Dort hing ein einfaches Kreuz. Dann meinte sie: „Sehen Sie, es ist wirklich nicht leicht. Aber ich habe viel Zeit zum Nachdenken. Dann schaue ich auf das Kreuz. Und dann? Dann geht es wieder gut..."